Menschenrechte gelten überall auf der Welt

Ist Konsum ein Menschenrecht?

Warum geht es auf der Welt nicht allen Menschen einfach gut? Warum könnte das, was es gibt, nicht einfach für jeden bereitgestellt werden; ohne dass der Einzelne oder ein Volk etwas dafür leisten muss? Wäre es wirklich das ideale Leben, wenn alles, was zum Leben benötigt würde, verfügbar wäre? Der Obdachlose oder der Bewohner eines Slum-Viertels, der plötzlich eine Wohnung hat: Wäre er froh? Menschen, die durstig sind und kilometerweit Wasser nach Hause tragen müssen, hungernde Kinder, für die es kaum Interesse gibt – geschweige denn Hilfe in Form von Essen, Ausbildung und Medikamenten: All das gibt es doch immer noch auf dieser Erde, obwohl zahllose Hilfsorganisationen sich einsetzen, Spenden sammeln und versuchen, ein besseres Leben möglich zu machen. Sicher wären diese armen Menschen in der Dritten Welt, zum Teil aber auch aus der Gesellschaft ausgegrenzte Menschen mitten in Deutschland oder woanders in den Industrienationen auf der Erde froh, überhaupt ein Auskommen zu haben; über Shoppingmalls und Konsumgüter denken sie wohl nur in Träumen nach. Von den neuesten und schnellsten Autos über regelmäßige Friseurbesuche bis hin zu Schmuck und Markenkleidung gibt es für die einen alles, für andere kaum etwas von diesem Konsumartikeln.

Menschenrechte betreffen natürlich nicht nur den Konsum, sondern auch völlig andere, wichtige Bereiche. Das Recht auf eine Privatsphäre und den Schutz der eigenen Daten ist etwa ein solches heikles Thema, das eigentlich nur durch Behörden berührt werden sollte. Dass auch private Ermittler manchmal die Grenzen zum Datenschutz tangieren, ergibt sich aber durch ihren Arbeitsauftrag. Das Recht, über jemanden Erkundigungen einzuziehen, ist also zum Beispiel deutlich beschränkt – noch viel mehr, als das Recht auf Konsum.

Wo beginnt Konsum?

Konsum ist vom lateinischen Verb „consumere“ für „verbrauchen“ abgeleitet. Prinzipiell fällt also alles, was die Menschen verbrauchen, unter diesen Begriff. Doch sollte hier nicht eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen der Grundversorgung und dem, was eigentlich nicht gebraucht, aber dennoch angeschafft wird, stattfinden? Die Menschenrechte setzen sich aus den drei Schlagworten Universalität, Egalität und Unteilbarkeit zusammen, also Allgemeingültigkeit, Gleichheit und eine Anwendung der Menschenrechte in einer untrennbaren Gesamtheit. Hiervon wird zum Beispiel auch das Recht auf Nahrung betroffen. Doch wie kann ein Mensch Kaviar essen, Champagner trinken und ein halbes Steak in den Müll werfen, wenn ein anderer froh sein muss, eine Hand voll Reis als Nahrung zu bekommen? Das Recht auf Konsum als Menschenrecht zu sehen, ist also erst möglich, wenn in den Grundsätzen eine gewisse Gleichheit herrscht. Das Ungleichgewicht auf der Welt ist ein Problem in den Menschenrechten. Geht die Mutter einer Familie mit einem Vater als Alleinverdiener Schuhe kaufen, fällt das in den Bereich Konsum. Dass sie dafür vielleicht an anderer Stelle einsparen muss, ist oft nicht vermeidbar. Doch geht es dieser Familie nicht schon sehr gut, in Anbetracht derer Mütter, die aus Spenden die besten der von der Konsumgesellschaft weggeworfenen Schuhe oder Kleidungsstücke nach Hause bringt und sich darüber freut?

Spendenbereitschaft im Land und weltweit

Menschenrechtsorganisationen und wohltätige Einrichtungen versuchen, ein Gleichgewicht herzustellen. Dabei kümmern sich die Menschenrechtler nicht nur um politische Verfolgungen und andere Verletzungen der Menschenrechte, sondern auch um die Grundversorgung der Menschen in den armen Ländern. Das rote Kreuz und viele, oft auch unter religiöser Flagge arbeitende Organisationen kümmern sich eher darum, dass Schulen gebaut und Essen beziehungsweise Medikamente beschafft werden können. Die Werbung im TV zeigt nicht nur, was der Konsum für den Bürger in Deutschland verfügbar macht: Immer wieder werden auch Spots gesendet, die deutlich machen, was selbst ein einziger Euro verbessern und bewirken könnte, so zum Beispiel die Impfungen für Kinder, die hier im Lande selbstverständlich sind. In der Dritten Welt sterben die Kinder reihenweise an Erkrankungen, gegen die es schon seit Jahren die besten Impfstoffe gibt. Es sind nicht Markenjeans, Wasserbetten oder die neuesten Digitalkameras, die die Menschen brauchen – und obwohl es täglich viel zu viele sterbende und leidende Kinder gibt, spenden die Menschen, denen es deutlich besser geht, nicht annähernd ausreichend, um wenigstens die Gesundheit aufrichtig in die Menschenrechte mit aufnehmen zu können.

„Mir hilft ja auch keiner“ – so lautet das Argument für fehlende Spendenbereitschaft sehr oft. Achtlos, oder sogar verächtlich geht der Einkaufsbummel an den Bettlern und Straßenmusikanten in den Städten vorbei. Die Familie in der Wohnung nebenan ist doch selbst schuld, dass sie nicht jedes Jahr in den Urlaub fahren kann, weil der Vater keine Arbeit findet – finden will? Vorurteile halten die Menschen oft von Spenden ab; der Staat kümmert sich schon. Eher wird für Tiere in Griechenland oder Rumänien Geld gegeben, als für Menschen, denen es hier im Lande nicht gut geht. Vielleicht wird bei den leckeren Steaks von den Gasgrills auf Gartenpartys im Freundeskreis darüber diskutiert – doch die Meinungen driften sehr weit auseinander: Berge von Nahrung werden weggeworfen, nebenher landet auch die Kleidung im Müll, statt in einer Sammelstelle, die armen Menschen hierzulande und weltweit helfen könnte. Und da soll Interesse für die Dritte Welt – so herrlich weit entfernt und absolut nicht greifbar – bestehen? Dass es viele Ausnahmen gibt, zeigen die RTL Spendenaktion „Der Spendenmarathon“, der „Red Nose Day“ auf Pro7 und andere Sammelaktionen. Das Geld, das hier zusammenkommt, wird in gut durchdachte Projekte gesteckt, ohne dafür Verwaltungskosten zu erheben. Der Sender und viele Stars setzen sich ein, dass hier Jahr für Jahr viel geholfen werden kann.

Hartz IV – kein Recht auf Konsum!

Gerade beim Thema Hartz IV sieht man sehr deutlich, wie sehr die Unterschiede in der Gesellschaft in einem Land auseinanderklaffen. Die einen verbringen die Wochenenden in Spas und lassen es sich gutgehen. Menschen, die nicht auf einige hundert Euro achten müssen, gibt es überall. Aber es gibt auch jene, die durch das Raster aus Arbeit, Geld und einem ordentlichen Leben und damit aus der Gesellschaft gefallen sind. Die Neuregelung von Hartz IV besagt genau, was einem Menschen zusteht – und da bleibt für Konsum nicht viel übrig. Das Arbeitslosengeld II und das Sozialgeld sind laut Gesetz eine Grundsicherungsleistung, die jedem bezahlt wird, der kein anderes Einkommen hat – sofern einige Bedingungen, wie bei Erwerbsfähigen die Bereitschaft zur Arbeitsaufnahme erfüllt werden. Das Menschenrecht auf eine Grundversorgung ist hier also in weiten Teilen umgesetzt.

Die Unterschiede sind jedoch klar zu erkennen. Menschen, die mit Hartz IV auskommen müssen, haben kaum eine Möglichkeit, einen klar strukturierten Tagesablauf zu verlassen – denn dazu braucht man Geld. Bei 364 Euro im Monat gibt es nur die billigsten Lebensmittel, kann Kleidung nur im Discounter oder sogar Second Hand gekauft werden. Sich etwas zur Seite zu legen, um beispielsweise einen Computer kaufen zu können, ist nicht möglich; alte Geräte, Schulden oder der Verzicht auf ein mittlerweile doch alltägliches Medium bleiben hier als Auswahlmöglichkeiten. Die ohnehin schwierige Lage verschlimmert sich durch Neid bei den Betroffenen, Ausgrenzung aus der Gesellschaft und eine damit einhergehende abfällige Behandlung, die sich schon im Kindergarten und in der Schule oft drastisch zeigt. Schon bei den ganz einfachen Dingen, wie etwa dem Besuch eines Volksfestes unterscheiden sich die Sozialgeld-Empfänger von den Normalverdienern. Die Kleidung kann hier nicht sonderlich variiert werden – Trachten als besondere Kleidungsstücke gehören nun einmal nicht zu den Leistungen, für die der Staat sich wirklich verantwortlich fühlt. Besonders jugendliche Festbesucher fühlen sich dann ausgegrenzt, wenn alle Schulkollegen und Freunde in feschen Trachten zum Fest kommen, sie selbst aber höchstens aus zwei oder drei Jeans auswählen können und damit schon in diesen einfachen Belangen zum Außenseiter werden.

Die Wohnungen, die Hartz IV Empfänger bewohnen dürfen, sind im Gesetz sehr genau beschrieben. Niemand darf etwas besitzen, zugleich aber Geld vom Staat beziehen. Auch ein Arbeiter, der sein Leben lang für sein Häuschen gespart hat, brav die Kredite getilgt und seine Beiträge zum Sozialsystem geleistet hat, nun aber ohne eigenes Verschulden arbeitslos wurde – weil etwa die Firma Konkurs gemacht hat – muss also sein Erspartes und sein Haus „verleben“ und bekommt solange keinen Cent. Er muss sich ebenso mit dem bisschen zufriedengeben, wie ein anderer, der nie vorhatte, auch nur eine Woche arbeiten zu gehen und mit Tricks und Ausreden durch das Leben kommt. Doch von so einer Ungerechtigkeit ist das Menschenrecht auf eine Grundversorgung nicht betroffen. Die, die etwas haben, werden gleichgestellt, mit denen, die nichts haben. Und das bedeutet eben, auf Konsum verzichten zu müssen, und die Gleichheit zwischen den Menschen erst einmal herzustellen. So wird der eine Bürger weiterhin darüber nachdenken, welche Reiseversicherung er bei seiner nächsten Fernreise abschließen will, während ein anderer Mensch genau weiß, dass er niemals im Leben in den Urlaub fahren wird.